Bangalore-Bonn ein Jahr: März

Beitragsbild zum Corona-Roman Bangalore-Bonn: ein Jahr Kapitel März

„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben.“

Alexander von Humboldt

Liebe Shila, heute ist der Tag, an dem du Bangalore in einem Flieger Richtung Bonn verlassen hast. Wenn diese Stadt ein Gewissen hätte, dann würde sie jetzt vor Wut weinen. Aber du musst los, hast du gesagt, weil du auch ein Leben dort in Deutschland hast. Deine Doktorarbeit wartet und schon in zwei Tagen wird ein wichtiges Seminar stattfinden, hast du gesagt und ich glaube dir.

Bangalore ist dir ans Herz gewachsen: Als Stadt, als Geschichte und als Familie und du wirst zurückkehren, weil Oma das immer wieder gesagt hat. Schon in ein paar Stunden wirst du hier bei uns anrufen und uns mitteilen, dass es wahnsinnig kalt in Bonn ist. Ich stelle mir gerade vor, wie jemand von dir ein Foto schießt und die eine fette Abschiedsträne gefriert. Ein Kaleidoskop der bunten, im Kristall gebrochenen Erinnerungen.

Eigentlich wollte ich dir heute mitteilen, dass wir bereits im Juni zu euch ins Rheinland kommen werden, auf einem Zwischenstopp nach Amerika. Aber ich weiß ja, dass du Überraschungen abgöttisch liebst und so werde ich es dir erst in ein paar Tagen sagen. Ich sehe dich jetzt schon vor meinen Augen, wie du unseren Aufenthalt in deinem geliebten Bonn planst und uns die Ecken zeigen wirst, die wir während unseres letzten Besuchs noch nicht gesehen haben.

Es ist mal wieder sehr warm hier in Indien, aber ich will nicht klagen. Uns hier auf 1000 Metern über dem Meeresspiegel geht es ja wirklich bestens. Nur der Smok, du weißt ja, wie furchtbar dieses unentwegte Gejapse nach dem letzten frischen bischen Luft ist. Ein Gespenst, das unentwegt in unseren Lungenflügeln mit seinen Schwingen an den Innenwänden reibt. Wie ist das wohl, wenn wir dann in ein paar Monaten in eurem Wald spazieren gehen? Ich fange an zu träumen…

Pass gut auf dich auf, dein James